Daheim ist es am schönsten!

June 11, 2017

Jetzt beginnt sie wieder: die Zeit des Mitleids, der verständnislosen und verstörten Blicke und der völligen Fassungslosigkeit.

 

Warum? Weil ich gerne zu Hause bin. Ja und? Weil ich auch im Sommer gerne zu Hause bin. Ja und? Weil ich lieber zu Hause bin anstatt in Urlaub zu gehen. Ach so? Was? Nein! Das kann doch nicht sein! Doch, es kann sein. Ja, aber….werden sich jetzt 99% der Leser fragen? Nein, Sie brauchen auch kein Spendenkässchen für mich aufzustellen und - Nein, Sie brauchen jetzt nicht in Bestürzung zu geraten, weil doch irgendetwas mit mir nicht stimmen kann.

 

Bin ich unnormal, langweilig, bemitleidenswert, nur weil ich gerne zuhause bin? Ich liebe es, Zeit für Haus, Hof und Garten zu haben. Ich liebe es, mein täglich wachsendes Bücherarsenal endlich mal in Ruhe lesen zu können und Dinge in Angriff zu nehmen, die unterm Jahr zeitlich einfach nicht möglich sind. Ich liebe es, meine alltäglichen Pflichten mit Muße erledigen zu können und mein Leben bis zur langen Weile zu entschleunigen - an dem Ort, wo ich zu Hause bin. Wann erlebt man diesen Zustand denn schon, wenn der Wecker morgens um 5.00 Uhr klingelt und es dann im gestreckten Galopp durch den termingeschwängerten Tag geht? Wünschen wir uns nicht alle, Zeit im Alltag zu haben? Wir haben abertausende Ideen, was wir tun könnten, wenn wir Zeit hätten. Haben wir sie, hauen wir ab.

 

Während ich gerade zu Hause unter unserem - von den Rehen angeknabberten - Feigenbaum sitze, meinen grünen japanischen Tee schlürfe und innerlich zur Ruhe komme, wühle ich gedankenverloren ein bisschen in der Vergangenheit...Damals...:

 

Wir schreiben das Jahr 2008 und ich packe gerade unsere Koffer. Nicht einen. Ich glaube sieben sind es. Dazu kommt noch ein Teddybär in Lebensgröße, ein Laufrad, eine Trommel und die schnaufende Maske von Darth Vader und das dazu passende Lichtschwert. Die Rutsche im Garten konnte ich unserem Filius gerade noch ausreden. Im Schlepptau sind 3 Kinder, die sich schon riesig auf die 8 Stunden lange Autofahrt freuen. Noch… Der Stresspegel fährt nach und nach in die Höhe: „Haben wir auch nichts vergessen? Wo sind die Schuhe? Hast du den Ausweis? Oh Mist, ich krieg den Koffer nicht zu.“ Wie denn auch, denke ich, wenn der gesamte Inhalt der Kleiderkammer drin steckt und der halbe Hausstand noch dazu… „Ziehen mir um“? Fragt mich mein Jüngster? „Nein! Wir gehen jetzt in Urlaub!“ Bis meine ansonsten freundliche Familie endlich im Auto sitzt, sind die ersten Nervenstränge stranguliert. Die Autofahrt ist nicht lustig und die Autofahrt ist auch nicht schön – wer erfindet denn so ein blödes Lied! Zwischen Pippi-machen, Kekskrümmel und verschütteten Getränken gröhlt zum 15 mal Benjamin Blümchen auf der Hörspiel-CD sein „Törööööööööh“ durchs Auto während wir seit Stunden bei 40 Grad im Stau stehen. „Ach kommt“, flöte ich, „dafür wird der Urlaub bestimmt ganz arg toll!“ Ja, das wird er. So werden wir es später zumindest in unserem Freundeskreis berichten. Irgendwann einmal kommt jeder an. Während der botanische Duschvorhang eine besonders schön gefleckte Schimmelpilzkultur aufweist, sind die Schnakenspuren an den Wänden weniger anschaulich, lassen sie doch eher an ein Massaker erinnern. Die Nächte sind surrend schön, von einer Symphonie von morgendlichem Juckreiz begleitet, verursacht durch erhabene Quaddeln, die unserer sonnenbrandverwöhnten Haut ein besonderes Profil verleihen. Die Betten sind bretthart, durchgelegen und weitere Details erspare ich Ihnen aus Rücksichtnahme auf Ihre ästhetisches Empfinden. Mein Geist windet sich jämmerlich unter der Gedankenflut, was ich daheim alles machen KÖNNTE wenn ich daheim WÄRE.... und schwupps - dreht mein Adrenalinregler von "maximal-runter" auf "maximal-rauf"...

Als wir endlich abreisen und uns auf die 8 Stunden lange Autofahrt freuen (noch) fasse ich einen Entschluss: Niemals mehr werde ich wochenlang Reste zubereiten, nur um den Kühlschrank leer zu kriegen. Niemals mehr werde ich mein kuscheliges Bett gegen eine Matratze mit einer mir unbekannten Milbenkultur eintauschen. Niemals mehr werde ich mir freiwillig Wäscheberge mit nach Hause bringen, dass das Dampfbügeleisen das Weltklima kurzfristig verändert. Und niemals mehr werde ich gestresst in Urlaub gehen, um gestresst wieder zurück zu kommen, während ich mit Wehmut auf die vergangenen Wochen blicke, die ich doch am liebsten zu Hause verbracht hätte...

 

Und so beende ich diesen Rückblick mit Stolz, halte ich doch mein persönliches Versprechen seit dem her und geniese die angeknabberten Blätter unseres schönen Feigenbaumes.

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