Mr. Zweifel und Mrs. Euphoria

June 2, 2017

Haben Sie zufälligerweise meinen Mr. Zweifel gesehen? So ein kleines, niedliches Gedankenwesen mit Patschehändchen und einem verzweifelten Gesichtsausdruck? Ich habe ihn gestern vormittag entlassen und da er bis jetzt noch nicht zurückgekommen ist, vermute ich, dass er sich einen neuen Wirkungskreis sucht. Sie verstehen nur Bahnhof? Dann erkläre ich es Ihnen etwas genauer:

 

Wer mich kennt weiß, dass ich der personifizierte Hummelschwarm bin. Jedes meiner selbstauferlegten Projekte endet mit dem Gedanken „Fertig! Gott-sei-Dank! Nie mehr wieder!“ Meine guten Geister krümmen sich derweil vor Lachen und lassen mich prompt in das nächste, wenn möglich noch größere Projekt tappen… Während meine gedanklichen Schweißperlen auf das neue Vorhaben tropfen, posiert Mrs. Euphoria schon einmal vor dem Spiegel, zupft ihr Kleid zurecht und wähnt sich bereits auf dem Siegertreppchen mit dem nächsten Zertifikat in der Hand. Von Anmut ist nicht mehr viel zu spüren. Voller Kraft, Tatendrang und unbändiger Freude auf den zu erwartenden neuen Abschluss schielt sie mittlerweile wie Popeye auf ihr Spiegelbild, wendet sich erschrocken ab und drückt auf den Adrenalinknopf, der mir einen unweigerlichen Energieschub durch den Körper jagt. Kleine leuchtende Energiesternchen zucken durch mein Gehirn und ich spüre förmlich, wie ich wachse.

„Ätsch „– was war das? Meine Adrenalinzufuhr wird per Notschalter jäh gestoppt und Mr. Zweifel springt quer durch meinen Kopf und läßt sich in Höhe meines Bauchnabels plumpsen. Während er so zäh da sitzt, darf ich mir seine üblichen Sprüche anhören: „Das wird dir zuviel!“ „Das schaffst du nicht“. „Das kannst du dir niemals merken“! Sei still, sonst…..!!!!!! denke ich alles andere als damenhaft. Muss das sein? Mich einfach so abzuwürgen? Mir meinen Mut, meinen Schwung und meine kindliche Vorfreude zu nehmen? Ein angeborener Reflex drückt Mr. Zweifel gegen meine Bauchwand und will ihn einfach nur wegdrängen. Mit einer eleganten Handbewegung kriege ich gerade noch die Kurve, reiche meinem Mr. Zweifel die Hand und rette ihn aus meinen Eingeweiden. So, jetzt reden wir. Du und ich! Während ich Mr. Zweifel so anschaue muss ich lächeln und meine Wut und Abwehrhaltung verfliegt im Nu. Da schaut mich so ein niedliches und wirklich verzweifeltes Etwas an, ringt mit den Tränen und sagt mir schniefend, dass es mich doch nur vor einer Enttäuschung beschützen will. Mein Herz fließt über vor Liebe und Dankbarkeit. Gerührt ergreife ich Mr. Zweifel Patschehändchen und wir schlendern wie Pat & Patachon gemeinsam am Bach entlang.

 

So läßt er seinen Gefühlen freien Lauf und schüttet mir sein Herz aus, wozu er sonst niemals die Gelegenheit hatte:

"Ich bin doch nicht gegen dich! Aber, sobald du einen Moment nicht an dich glaubst, dann komme ich und fülle die Lücke, damit du keine Löcher hast!" Häh? Denke ich, Löcher?  Na gut. An seiner Ausdrucksweise kann man sicher noch etwas arbeiten. Dann stelle ich mir vor, wie ich stellenweise wie ein Schwamm aussehen muss, dessen Poren"löcher" überall mit Zweifelwesen gefüllt sind... wie unangenehm... Natürlich glaube ich an mich! Wer denn sonst? Mrs. Euphoria klopft mir anerkennend auf meine Schulter und meint: "Das wuppen wir schon!" Mr. Zweifel alias Patachon guckt aufgrund meines wiederkehrenden Kampfeswillen erschrocken und dennoch freudig zu mir auf. Er hat scheinbar gemerkt, dass seine Anwesenheit zwischenzeitlich überflüssig geworden ist und Mrs. Euphoria das Stopfen der Porenlückenschwammlöcher übernommen hat.

 

Gemeinsam hauen wir alle drei auf den Adrenalinknopf. Der Funkenregen in meinem Körper sprüht los und ich wirble freudig mit Mrs. Euphoria und Mr. Zweifel durch die gedanklichen Spähren meines bunten Lebens. Er fängt an zu lachen und zu glucksen und kann sich sogar mit mir freuen! „Endlich hat sie mich mal wahrgenommen und nicht nicht verdrängt, wie sonst immer“, höre ich ihn denken. Endlich hat er verstanden, dass ich es schaffe, wenn ich an mich glaubte, ohne ständig von ihm ausgebremst zu werden, denke ich. So knuddel und herze ich Mr. Zweifel ein letztes Mal und erkläre ihm, dass er ab jetzt frei ist. Frei wie ein Vogel! Nun kann er sich die Welt ansehen und vielleicht einmal Urlaub machen. Ich brauche ihn nicht mehr. Ich danke ihm zum Abschied und freue mich wie ein kleines Kind, dass wir in Freundschaft auseinandergehen konnten, Mr. Zweifel und ich. Jetzt muss ich nur noch die hyperaktive Mrs. Euphoria in den Griff bekommen….

 

Sollte Mr. Zweifel in der Zwischenzeit bei Ihnen aufgetaucht sein – Sie wissen ja jetzt, wie Sie ihn am Besten bändigen: Annehmen, Danken und in Liebe entlassen :o)

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