Ungelebte Saiten

May 26, 2017

Als mein jüngster Sohn gerade drei Jahre alt war, dachte ich, er hätte bestimmt große Lust und Talent, Geige spielen zu lernen. Tatsächlich kann man in diesem Alter schon anfangen, Kinder mit diesem wunderbaren Instrument vertraut zu machen. Wir kauften also so eine klitzekleine, total süße Geige und schauten unser Kind verzückt an, als er sie zum ersten Mal in den Händen hielt. Die erste Stunde mit der bemerkenswert geduldigen Geigenlehrerin verlief, na ja, so lala… Zuhause aber packte er das Instrument voller Begeisterung aus, nahm es in seine kleinen Händchen und schlug fröhlich einen Holznagel in seine Werkzeugbank. Das machte mich dann doch etwas nachdenklich. Nicht wegen seiner handwerklichen Fertigkeiten, nein. Wenn ich ehrlich zu mir war, wollte ich meinem Sohn etwas überstülpen, dass doch eigentlich tief in mir, in meiner Seelenkammer auf seine Befreiung und Verwirklichung wartete. Wie oft, dachte ich mir, verlangen wir von unseren Kindern, dass Sie unsere Träume leben sollen und sind tief enttäuscht, wenn Sie keinerlei Interesse an unseren unverwirklichten Sehnsüchten haben. Ich tat das einzig Richtige und übernahm mutig den Unterricht meines Jüngsten und fing an zu fideln. Das ist mittlerweile 6 Jahre her und ich fidel immer noch! Das liegt einerseits an meiner Vorbildfunktion als Mutter (man gibt nicht auf!), dem Durchhaltevermögen meines Geigenlehrers und meinem unbändigen Ehrgeiz, diesem Instrument doch irgendwann einmal EINEN schönen Ton zu entlocken. So hielt ich bis heute durch und muss zugeben, dass ich Fortschritte mache. Während ich mich anfangs für jeden schiefen Ton aus Höflichkeit entschuldigte (also ständig) und meinen Lehrer zu Tränen rührte (was sollte er auch machen, um den Schmerz seiner leidgeprüften Ohren Ausdruck zu verleihen - wegatmen ging nicht - er hätte hyperventiliert) so stehe ich heute zu meinen Misstönen, die tatsächlich musikalischer werden. Zwischenzeitlich sind wir auch schon einmal aufgetreten: In einem Altersheim, wo die Bewohner jederzeit die Möglichkeit hatten, ihre Hörgeräte auszuschalten. Und ich werde nicht aufgeben. Niemals! Ich weiß, dass dieses Leben nicht ansatzweise ausreichen wird, um neben Anne-Sophie Mutter eine gute Figur zu machen . Aber es macht Spaß – unendlich viel Spaß! Und das schräge Tönen hat auch noch seine besonderen Vorzüge: Wenn ich hin und wieder meine Ruhe brauche, dann nehme ich meine Geige, fange an zu spielen und das Wohnzimmer gehört mir! Was ich damit sagen will: Fangen Sie an und hören Sie niemals damit auf! Wir sind immer im richtigen Alter, um irgendetwas anzufangen. Es geht hierbei nicht darum, perfekt zu werden. Das Hochgefühl haben Sie bereits in dem Moment, wenn Sie sich überwinden, Ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen! Die Zeit ist immer genau dann reif, wenn Sie eine Entscheidung treffen. Fangen Sie an! Gelebte Träume sind so viel schöner als ungelebte Lücken in ihrem wunderbaren Leben. 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Aktuelle Einträge

May 14, 2018

May 13, 2018

December 1, 2017

November 22, 2017

November 12, 2017

October 22, 2017

August 17, 2017

Please reload

Archiv
Please reload

Folgen Sie uns!
  • Facebook Basic Square
  • Twitter Basic Square
  • Google+ Basic Square